Freitag, 31. Oktober 2014

Wie viele Jahre hat ein Tag ohne dich?

noch nicht korrigiert, sorry :*

Wie viele Jahre hat ein Tag ohne dich?

Die Tage an denen du im Krankenhaus bist sind die schlimmsten. Für dich und für mich. Alles ergibt dann keinen Sinn.
Diese Tage gibt es oft. Ständig läufst du gegen irgendetwas, fällst hin oder verletzt dich an den stumpfesten Scheren und Messern. Aus versehen. Natürlich aus Versehen. Wieso sollte ein Mensch sowas mit Absicht machen, fragte ich mich und genau dasselbe sagtest du auch, als ich mich das erste mal getraut habe dich zu fragen, diesen einen Donnerstagabend im Krankenhausbett.

Als wir Kinder waren, war ich diejenige, die man im Krankenhaus besuchen musste, denn beim Handball brach ich mir Beine, Finger und sämtliche andere Kochen, die gebrochen werden können. Jetzt bist du es. Du verletzt dich nicht beim Handball. Du verletzt dich einfach so. Heute ist sowieso alles anders als damals. Jetzt hast du die langen Haare und ich die kurzen, jetzt mag ich die Jungs, die du jetzt liebst. Das einzige was sich nie verändert hat, ist das was zwischen uns ist. Du bist und bleibst meine beste Freundin. Eigentlich viel viel mehr als das.

Das erste Mal hast du dich im Sportunterricht in der 7. verletzt. Wir haben Handball gespielt. Ich liebe Handball. Wenn ich etwas kann, dann ist es Handball. Umso niedergeschlagener warst du, dass du es nicht konntest und sogar der Lehrer es gemerkt hat. Du bist also in die Umkleidekabine gelaufen und in der Dusche ausgerutscht und hingefallen. Du hast geschrien. Ich habe dich gefunden. Dein Arm war lila-blau angelaufen und an deinem Kopf war Blut. Überall war Blut. Der Lehrer hat mich mit dir ins Krankenhaus fahren lassen und so lagen wir den ganzen Tag da. Du warst eben ausgerutscht. Aus versehen. Natürlich aus versehen.

Du und ich, wir haben unsere gesamtes Leben miteinander verbracht. Wir sind nebeneinander, miteinander groß geworden. Wir sind zusammen in den Kindergarten gegangen, wir sind zusammen eingeschult worden und sitzen auch jetzt noch im Unterricht nebeneinander. Unsere Familien sind zusammen in den Urlaub gefahren und haben zusammen Weihnachten gefeiert. Deine Familie ist auch meine Familie. Mein Bruder auch deiner. Ich habe ganz offiziell seit ich sieben bin einen Schlüssel zu eurem Haus, einen zu deinem Zimmer und einen zu deinem Tagebuch. Du wohnst neben mir. Wir haben zusammen ein Baumhaus gebaut, hatten zusammen Läuse, sind zusammen das erste Mal aus einem Hochbett gefallen, wir haben am selben Tag unseren ersten Zahn verloren, wir sind zusammen das erste Mal alleine weg gefahren und haben zusammen deinen ersten Liebeskummer überwunden. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem wir nicht zusammen gewesen wären. Nur an die, an denen du im Krankenhaus gelegen hast.
Wir erzählen uns schon immer alles. Wir sind immer ehrlich miteinander. Du hast erzählt wenn deine Puppe geklaut wurde und ich habe gesagt, wenn ich sie genommen hatte. Du hast mir direkt von deinem ersten Freund erzählt, von deinem ersten Kuss und von deinem ersten Mal. Ich werde das auch tun. Denn wir sagen uns immer alles! Das dachte ich zumindest, bis zu diesem einem donnerstag Abend im Krankenhausbett.

Einmal hattest du dich mit deiner Mama gestritten und dann bist du ganz aufgelöst zu mir gekommen. Du setztest dich hinter mein Bett und weintest. Dort saßt du immer, wenn du deine Ruhe haben wolltest. Du schliefst diese Nacht bei mir. Vorher konnte ich dich noch zu einem entspannenden Bad überreden. Dann standen wir da, in meinen kleinem Badezimmer und dir war es so unangenehm dich auszuziehen. Das verstand ich gar nicht. Vorher hattest du dich nie geniert, wenn wir zusammen baden wollten. Du sagtest dann ich solle mich umdrehen während du dich ausziehst und, dass du schon mal in die Wanne steigen würdest. Ich dachte mir nichts mehr dabei. Aber als wir dann in der Badewanne saßen, konnte ich trotzdem sehen was du vor mir verbergen wolltest: an deinem ganzen Körper waren kleine, offene, runde Wunden. Sie sahen aus wie Verbrennungen. An deinen Armen, deinen Beinen, an deinem Bauch, deinen Brüsten, sogar an deinen Füßen leuchteten diese kleinen lila und roten Punkte. Als du meinen fragenden Blick wahrnahmst sahst du mir in Augen, griffst nach meiner Hand, atmetest tief ein und begannst stotternd zu antworten. Das käme von den Mückenstichen, die würden sich bei dir dieses Jahr immer entzünden. Ich erwartete eine schlimme Antwort. Aber ich war froh zu hören, dass ich Unrecht hatte. Ich wollte Unrecht haben. An diesem Abend ließt du mich keine Sekunde mehr aus den Augen und sahst mich die ganze Zeit so an, als versuchtest du einzuschätzen, ob ich deine Lüge geschluckt hatte. Hatte ich.
Von diesem Tag an lächeltest du nicht mehr.

In den Sommermonaten wollten unsere Familien das letzte mal gemeinsam in den Urlaub fahren. Wir waren ja jetzt zu alt dafür. Wir fuhren jetzt alleine weg. Daraus wurde nichts: Du kamst ins Krankenhaus. Es war der erste Tag, den ich ohne dich verbracht habe. Ich durfte dich nicht besuchen. Ich durfte dich nicht sehen. Ich durfte nicht mit dir reden. Nicht eine Sekunde lang. Ich war 17 Jahre alt und ich kam mir vor wie eine Zweijährige, die das erste Mal ohne ihre Mama schlafen geht. Es wäre so ein schöner Tag gewesen und das war schlimm! Draußen haben die ganze Zeit die Vögel gequietscht und die Sonne hat gebrannt und alle haben gelacht und gekreischt. Aber in mir drin war es so dunkel. In Filmen regnet es immer, wenn es den Protagonisten schlecht geht. Bei mir war das nicht so. Es war warm und der Himmel blau, die Kinder glücklich, die Straßen voll. Nur in mir drin war es kalt und leer und dunkel und einsam. Alle waren zusammen, nur ich war alleine. Ohne dich. Das erste Mal.
Der Tag war so lang wie keiner je zuvor. Am Abend warst du ins Krankenhaus gekommen. Die Nacht war die kürzeste meines Lebens. Ich wollte nur schlafen, konnte aber nicht. Sobald ich die Augen zu machen wollte, waren da kleine grüne Monster, die mir sagten, ich sei eine schlechte Freundin. Ich dachte du müsstest sterben. Ich hatte Angst. Angst um dich und ein bisschen auch um mich. Ich wusste es wird kein schöner Tag. Ich wusste aber nicht, dass es so schlimm wird. Ich saß alleine in meinem Zimmer, wartete auf Hoffnung, lag auf meinem Bett, wartete auf den Schlaf, hockte vorm Telefon, wartete auf dich. Der ganze Tag war ein einziger Alptraum. Jede Sekunde wartete ich auf den Moment in dem ich endlich aufwachte. Ich wachte nicht auf. Es hat etwas gefehlt. Du hast gefehlt. Ich war nicht vollständig. Mein Herz wollte auf meiner Brust raus springen. Ich bin sicher. Ich hatte das Gefühl, meine Brust festhalten zu müssen, ich habe die Beine angezogen und sie mit meinen Armen ganz fest umschlungen. Ich hatte Angst, ich gehe kaputt. Ehrlich. Du warst hingefallen. Die Leiter vom Dachboden runter. Aus versehen. Natürlich aus versehen.
Du hättest dein altes Tagebuch gesucht, sagte deine Mutter. Das verstand ich. Das glaubte ich. Du sagtest die eine Sprosse sei kaputt gewesen, deshalb bist du aus versehen runter gefallen, erklärte mir deine Mama. Ich wollte dein altes Tagebuch suchen gehen, auf eurem Dachboden. Es gab keine kaputte Sprosse. Es hatte nicht mal eine einen Riss.
Ich habe das Tagebuch nicht gefunden.
Ich hoffte, wenn ich dein Tagebuch lesen könnte, ginge es mir besser, weil ich dich dann zwar nicht sehen könnte, aber wenigstens deine Worte lesen. Das wäre fast wie mit dir reden gewesen. Vielleicht ginge alles schneller vorbei, dachte ich.
Irgendwann warst du endlich wieder da und es wurde normaler. Am ersten Tag hatte ich einen Alptraum aber am zweiten Tag durfte ich bei dir schlafen und alles war wieder in Ordnung. Keine Alpträume mehr, keine Sorgen, keine Angst, nur du. Ich habe gehofft, dir würde nie wieder etwas passieren. Nie mehr.

Lange Zeit war alles wie immer. Nur hin und wieder eine kleine Verletzung. Wir verbrachten die Sommerferien zusammen, du lerntest deinen Freund kennen, wir gingen wieder zur Schule, schrieben Klausuren, du schliefst mit deinem Freund, das erste Mal, ich war das erste Mal verliebt, du wurdest 18. An deinem Geburtstag musste ich auf dich aufpassen, du warst so betrunken und hast viel wirres Zeug geredet. Ich hab dich keine Sekunde aus den Augen gelassen.
Früher mochtest du keine Geburtstage. An deinem Geburtstag hast du immer am Ende geweint, weil dir alles zu viel wurde. Du bist dann immer einfach verschwunden, meistens saßt du dann in meinem Zimmer hinter meinem Bett und hast gemalt und gewartet bis alles vorbei war. Du hast gerne gemalt. Obwohl wir älter sind, sitzt du dort immer noch, wenn du deine Ruhe willst, nur malst du nicht mehr und weinst du nicht mehr.
An deinem Geburtstag hab ich dich irgendwann einfach zu mir nach Hause geschleppt und dich dort hingesetzt. Du bist noch kurz ins Bad gegangen, hast dich übergeben und hast dich dann direkt hinters Bett gesetzt. Du hast dich hingesetzt und du bist einfach eingeschlafen. Du hättest in meinem Bett schlafen können, aber du wolltest nicht. Du wolltest auf deinem Platz bleiben. Du hast geredet während du geschlafen hast, wie immer. Schlimme Sachen, aber ich habe das nicht ernst genommen, ich wollte nicht. Früher musstest du auf mich aufpassen, weil alles was wir angestellt haben, auf meinen Mist gewachsen ist. Ich habe mich manchmal mit den Jungs aus der Nachbarschaft geprügelt, aber du hast aufgepasst und mich mitgenommen. Den Eltern hast du nie was gesagt. Wie ich jetzt nicht. Nie. Heute passe ich auf dich auf, ich muss. Immer.

An einem dienstag Abend war ich bei einer Freundin und kam nach Hause und dann saßst du da hinter meinem Bett und hast geweint und hast gemalt. Ich setzte mich zu dir und sagte kein Wort, ich habe einfach gewartet bis du anfingst. Du hattest deinen Kopf auf meiner Schulter gelegt und hielst meine Hand, sehr fest. Dein Freund hatte mit dir Schluss gemacht, per SMS. In dieser Nacht hast du bei mir im Bett geschlafen und mich keinen Moment losgelassen.
Dann war er da, dieser Tag. Am Morgen wollte ich, dass du nicht in die Schule gehst sondern dich ausruhst. Trotzdem fuhren wir zusammen. Den ganzen Tag sah ich im Unterricht immer wieder zu dir um mich zu versichern, dass alles in Ordnung war. In der Pause fingst du an zu weinen, als wir auf dem Klo waren. Du kamst nicht aus der Kabine aber ich konnte dich nebenan schluchzen hören. Du hattest den ganzen Tag kein Wort gesagt, auch als wir auf dem Weg zum Unterricht waren, nachdem du aus der Toilette kamst noch nicht. Wir hatten Chemieunterricht und niemand fiel auf, dass es dir nicht gut ging. Du mochtest Chemie eigentlich, ich nicht besonders. Wir machten irgendeine Gruppenarbeit mit Experimenten und Säuren oder so, ich erinnere mich kaum. Ich war nicht in deiner Gruppe, denn wir waren nach Leistungen eingeteilt, trotzdem sah ich oft zu dir rüber. Du sahst schlecht aus, aber wenn du mich angesehen hast, hast du versucht zu lächeln. Es hat nicht geklappt.
Auf einmal haben alle geschrien. Ich habe direkt gewusst, dass etwas mit dir gewesen ist, sofort! Ich wollte nicht recht haben, einmal nicht. Ich hab' mich umgedreht und dich gesucht. Ich konnte dich nicht finden. Dass jemand den Krankenwagen rufen soll, schrie meine Chemielehrein und dass jemand im Sekretäriat Hilfe holen solle. Ich guckte immer noch nach dir und dann sah ich ein Mädchen auf dem Boden sitzen, ich hörte sie nicht schreien, auch wenn sie es tat, ich sah sie nur regungslos, die Arme vom Körper wegstreckend auf den kalten Fliesen sitzen. Vielleicht warst du zur Toilette gegangen. Sie hatte genau die gleiche Haarfarbe wie du, aber nicht die gleiche zarte haut, um genau zu gar keine haut mehr, auch kein Oberteil. Nur Blut und Verätzungen. Dein Gesicht blieb unter all dem bekannten Schmerz das gleiche. Und ich weinte nicht. Und alle starrten dich an und starrten mich an. Und ich weinte nicht. Wir wurden aus dem Raum gescheucht. Ich wollte bei dir sein, ich wollte nicht gehen. Ich fiel hin. Ich übergab mich. Viele Leute boten mir Wasser an, Essen. Sie fragten mich, ob alles okay sei. Was dachten sie denn? Nichts war okay. Sanitäter kamen und wollten mir helfen. Dir sollten Sie helfen, mir doch nicht! Ich durfte mit dir fahren, ich musste sogar. Und ich weinte nicht. Sie fragten nach der Nummer unserer Eltern und aus versehen sagte ich die Nummer meiner Tante. Wir kamen im Krankenhaus an und Leute kamen und wollten mir helfen. Dir sollten Sie helfen, mir doch nicht! Du bliebst dort. Meine Mama nahm mich mit nach Hause. Und ich weinte nicht. Ich schlief den ganzen Tag. Am Donnerstag brachte mich mein Vater zu dir und ich verbrachte den ganzen Tag bei dir im Krankenhaus. Wir redeten viel über deinen Freund, zumindest über den Jungen, der es mal gewesen war, über Schule und den Geburtstag einer Freundin, über alles, aber nicht über das, was gestern passiert war. Ich traute mich nicht. Du schliefst viel. Alle zwei Stunden kam ein Pfleger und wechselte deine Verbände. Wenn du geschlafen hast, hat er dich nicht aufgeweckt. Er war hübsch. Du lächeltest ihn an. Er lachte zurück. Und ich war froh dich nach langer Zeit wieder lächeln zu sehen. Der Pfleger zwinkerte dir zu. Mir auch, aber das verriet ich dir nicht.
Wir hatten gegessen und lagen zusammen in deinem Bett. Ich nahm deine Hand und traute mich. ¨Hast du das alles absichtlich gemacht, Marlene?¨ Erst war alles ganz still. „Wieso solle jemand soetwas mit Absicht tun,“ fragtest du bedacht ruhig. Ich hielt deinem Blick stand, glaubte dir nicht. Das erste in Mal in unseren Leben. Du sahst mir in die Augen und hast mich so angemeckert, was ich von dir denken würde, ob ich dich überhaupt kennen würde. Ich kenne dich, besser als dir lieb ist. Du wolltest nicht, aber ich nahm dich in den Arm. Du liest es zu. Dann ist aus deinem Schreien ein Schluchzen geworden und ich durfte wieder deine beste Freundin sein. Wie ich es bemerkt habe und warum ausgerechnet dir soetwas passieren müsse, du soetwas fühlen müssest, fragtest du mich an diesem einen donnerstag Abend im Krankenhausbett. Ich wusste keine Antwort. Ich weiß noch immer keine Antwort. Du erzähltest mir die Wahrheit über den Sportunterricht, bei dem dir das erste mal etwas passiert ist. Du warst damals unendlich traurig, weil niemand auf dich geachtet hat, du nichts konntest und alle mich gelobt haben. Deshalb bist du in die Umkleidekabine gelaufen, hast die Dusche angemacht, damit der Boden nass wurde und bist hin und her gerannt, bis du ausgerutscht und hingefallen bist. So richtig absichtlich gemacht hattest du es nicht, sagtest du. Es hatte sich richtig angefühlt, so als würde es helfen. Du warst so sauer auf dich, wusstest nicht wohin mit deiner Wut, deinem Schmerz und du hofftest, dass damit wieder auf dich geachtet wird. Als du am Abend im Krankenhaus lagst und alle bei dir waren, kam dir alles so friedlich vor. Du warst nicht mehr traurig, dein Herz tat dir nicht mehr weh. Obwohl es dir leid tat, dass wir uns, vorallem ich mir, so viele Sorgen machten, tatest du dir immer mehr weh. Du risst dir Haare aus, bisst dir in die Finger, schlugst deinen Kopf gegen Tische, verbranntest dich, fielst hin, brachst dir Finger und drücktest Zigaretten an dir aus oder kipptest eben Säure über dich. Ritzen wäre nichts für dich, das täten nur Leute die Aufmerksamkeit wollen, meintest du. Ich fing an zu weinen. Du auch. Jedes mal, wenn du mich traurig gemacht hattest, wenn du ins Krankenhaus kamst, wenn ich wegen dir nicht zur Schule ging, keine andere Freunde traf oder weg ging, weil du dir weh getan hattest, warst du so sauer auf dich, dass du dir noch mehr weh getan hast. Ich wusste das alles nicht. Ich wusste nicht, warum ich es nicht wusste. Ich wusste nicht, warum du mir nichts gesagt hattest Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wusste nicht was ich denken sollte. Und ich wusste auch nicht, ob ich noch deine beste Freundin war. Nicht, ob ich es nicht mehr sein wollte, sondern ob du das je wolltest.
Wir redeten viel. Vorallem über dich. Ich war erleichtert, denn wir beschlossen, dass ich mit dir zu einer Psychologin gehen würde, damit sie dir helfen könne und du glücklich würdest. Ich erzählte dir von denen Tagen, die ich ohne dich war und wie grausam und angsteinflößend sie waren und wir beschlossen, ich könnte ja auch mal mit dieser Psychologin reden.

Du musstest noch einige Tage im Krankenhaus bleiben. Ich durfte dich nicht mehr besuchen, aber ich gab mir Mühe so zu tun als wären es normale Tage, MIT dir. Es waren keine normalen Tage. Es war wie immer, wenn du nicht da warst. Ich hatte Panik als ich deine Station verließ, alles drehte sich und auf den Schildern tanzten die Buchstaben, die Bilder an den Wänden spielten mir Streiche und nichts sah mehr aus wie vorher. Alles hatte seine Farbe verloren. Ich bekam kaum Luft.

Ich verbrachte diese Woche zusammengekauert in meinem Zimmer. Ich dachte an nichts, außer an dich. Mir schwirrten so viele Gedanken im Kopf herum, deren Mittelpunkt nur du warst. Dass du das alles absichtlich getan hast, hatte ich schon wieder verdrängt. Eine Sekunde hatte ich überlegt, ob ich sauer sein sollte, weil du mir so viel Schmerz angetan hast, aber ich konnte nicht. Du hast dir selbst viel mehr Schmerz angetan.
Die Panik ebbte nicht ab. Ebenso wenig wie der Schmerz. Alles um mich herum wurde von Tag zu Tag dunkler.
Und dann stand meine Mama in der Tür. Für mich wie ein Engel. Sie würde nämlich sagen, dass ich zu dir dürfte, dachte ich. Tat sie nicht.
Sie kam auf mich zu, aber irgendwie lächelte sie nicht. Das fiel mir nicht auf, ich war glücklich. Sie setzte sich zu mir und erst dann war ich verunsichert.
Dann sagte sie etwas, was ich kaum verstand. Ich hörte die Worte, aber ich hätte schwören können, sie waren gelogen. Als ich begriff, dass es keine Lügen waren, die aus dem Mund meiner Mama kamen, begann für mich ein neues Leben. Ein dunkles Leben. Ich wusste nicht, wie ich dieses Leben angehen sollte. Ich wollte auch gar nicht.
Ich schüttelte den Kopf, aber meine Mama wiederholte nur. Ich hielt mir die Ohren zu und summte. Ich wollte es nie wieder hören. Nie mehr. Eigentlich war es sowieso eine Lüge. Ich fragte mich, wann ich endlich wieder aufwachen würde. Ich würde dann rüber gehen, in dein Zimmer, ich würde mich in dein Bett legen und es würde weniger weh tun. Ich hätte keine Alpträume. Das Problem war nur, es war kein Traum.
Meine Welt brach zusammen. Mit einem lauten Knall. Eine Sekunde hatte es gedauert mein Leben zu ruinieren. All die gelebten Jahre waren nun nicht mehr von Bedeutung. Die kommenden Jahrzehnte wurden ruiniert durch diese eine Sekunde, den einen Satz aus dem Mund meiner Mutter.

„Marlene ist tot.“

Du hast alles Glück dieser Welt mit dir genommen. Das Lachen, das Reden, die Melodien, die Sonne, die Farben, das Licht, das Leben. Jetzt ist alles nur noch schwarz- weiß.
Seit dem habe ich aufgehört auf mich Acht zu geben. Wenn ich über eine Straße gehe, gucke ich nicht mehr nach links und rechts, ich schnalle mich nicht mehr an beim Autofahren, beim Motorradfahren trage ich keinen Helm mehr, ich esse kaum noch, schließe die Augen wenn ich durch die Straßen gehe, ich lehne mich zu weit aus dem Fenster, gehe auf zu hohe Dächer, ich lasse Dinge runterfallen und die Scherbern liegen, ich lasse mich von Bienen stechen, esse was ich nicht vertrage und habe aufgehört zu schauen wie viele oder welche Tabletten ich nehme.
Mit dir ist mein Sinn gegangen.

Und noch heute frage ich mich Morgen für Morgen:
„Wie viele Jahre hat ein Tag ohne dich?“