noch nicht korrigiert, sorry :*
Wie
viele Jahre hat ein Tag ohne dich?
Die
Tage an denen du im Krankenhaus bist sind die schlimmsten. Für
dich und für mich. Alles ergibt dann keinen Sinn.
Diese
Tage gibt es oft. Ständig läufst du gegen irgendetwas, fällst hin
oder verletzt dich an den stumpfesten Scheren und Messern. Aus
versehen. Natürlich aus Versehen. Wieso sollte ein Mensch sowas mit
Absicht machen, fragte ich mich und genau dasselbe sagtest du auch,
als ich mich das erste mal getraut habe dich zu fragen, diesen einen
Donnerstagabend im Krankenhausbett.
Als
wir Kinder waren, war ich diejenige, die man im Krankenhaus besuchen
musste, denn beim Handball brach ich mir Beine, Finger und sämtliche
andere Kochen, die gebrochen werden können. Jetzt bist du es. Du
verletzt dich nicht beim Handball. Du verletzt dich einfach so. Heute
ist sowieso alles anders als damals. Jetzt hast du die langen Haare
und ich die kurzen, jetzt mag ich die Jungs, die du jetzt liebst. Das
einzige was sich nie verändert hat, ist das was zwischen uns ist. Du
bist und bleibst meine beste Freundin. Eigentlich viel viel mehr als
das.
Das
erste Mal hast du dich im Sportunterricht in der 7. verletzt. Wir
haben Handball gespielt. Ich liebe Handball. Wenn ich etwas kann,
dann ist es Handball. Umso niedergeschlagener warst du, dass du es
nicht konntest und sogar der Lehrer es gemerkt hat. Du bist also in
die Umkleidekabine gelaufen und in der Dusche ausgerutscht und
hingefallen. Du hast geschrien. Ich habe dich gefunden. Dein Arm war
lila-blau angelaufen und an deinem Kopf war Blut. Überall war Blut.
Der Lehrer hat mich mit dir ins Krankenhaus fahren lassen und so
lagen wir den ganzen Tag da. Du warst eben ausgerutscht. Aus
versehen. Natürlich aus versehen.
Du
und ich, wir haben unsere gesamtes Leben miteinander verbracht. Wir
sind nebeneinander, miteinander groß geworden. Wir sind zusammen in
den Kindergarten gegangen, wir sind zusammen eingeschult worden und
sitzen auch jetzt noch im Unterricht nebeneinander. Unsere Familien
sind zusammen in den Urlaub gefahren und haben zusammen Weihnachten
gefeiert. Deine Familie ist auch meine Familie. Mein Bruder auch
deiner. Ich habe ganz offiziell seit ich sieben bin einen Schlüssel
zu eurem Haus, einen zu deinem Zimmer und einen zu deinem Tagebuch.
Du wohnst neben mir. Wir haben zusammen ein Baumhaus gebaut, hatten
zusammen Läuse, sind zusammen das erste Mal aus einem Hochbett
gefallen, wir haben am selben Tag unseren ersten Zahn verloren, wir
sind zusammen das erste Mal alleine weg gefahren und haben zusammen
deinen ersten Liebeskummer überwunden. Ich kann mich an keinen Tag
erinnern, an dem wir nicht zusammen gewesen wären. Nur an die, an
denen du im Krankenhaus gelegen hast.
Wir
erzählen uns schon immer alles. Wir sind immer ehrlich miteinander.
Du hast erzählt wenn deine Puppe geklaut wurde und ich habe gesagt,
wenn ich sie genommen hatte. Du hast mir direkt von deinem ersten
Freund erzählt, von deinem ersten Kuss und von deinem ersten Mal.
Ich werde das auch tun. Denn wir sagen uns immer alles! Das dachte
ich zumindest, bis zu diesem einem donnerstag Abend im
Krankenhausbett.
Einmal
hattest du dich mit deiner Mama gestritten und dann bist du ganz
aufgelöst zu mir gekommen. Du setztest dich hinter mein Bett und
weintest. Dort saßt du immer, wenn du deine Ruhe haben wolltest. Du
schliefst diese Nacht bei mir. Vorher konnte ich dich noch zu einem
entspannenden Bad überreden. Dann standen wir da, in meinen kleinem
Badezimmer und dir war es so unangenehm dich auszuziehen. Das
verstand ich gar nicht. Vorher hattest du dich nie geniert, wenn wir
zusammen baden wollten. Du sagtest dann ich solle mich umdrehen
während du dich ausziehst und, dass du schon mal in die Wanne
steigen würdest. Ich dachte mir nichts mehr dabei. Aber als wir dann
in der Badewanne saßen, konnte ich trotzdem sehen was du vor mir
verbergen wolltest: an deinem ganzen Körper waren kleine, offene,
runde Wunden. Sie sahen aus wie Verbrennungen. An deinen Armen,
deinen Beinen, an deinem Bauch, deinen Brüsten, sogar an deinen
Füßen leuchteten diese kleinen lila und roten Punkte. Als du meinen
fragenden Blick wahrnahmst sahst du mir in Augen, griffst nach meiner
Hand, atmetest tief ein und begannst stotternd zu antworten. Das käme
von den Mückenstichen, die würden sich bei dir dieses Jahr immer
entzünden. Ich erwartete eine schlimme Antwort. Aber ich war froh zu
hören, dass ich Unrecht hatte. Ich wollte Unrecht haben. An diesem
Abend ließt du mich keine Sekunde mehr aus den Augen und sahst mich
die ganze Zeit so an, als versuchtest du einzuschätzen, ob ich deine
Lüge geschluckt hatte. Hatte ich.
Von
diesem Tag an lächeltest du nicht mehr.
In
den Sommermonaten wollten unsere Familien das letzte mal gemeinsam in
den Urlaub fahren. Wir waren ja jetzt zu alt dafür. Wir fuhren jetzt
alleine weg. Daraus wurde nichts: Du kamst ins Krankenhaus. Es war
der erste Tag, den ich ohne dich verbracht habe. Ich durfte dich
nicht besuchen. Ich durfte dich nicht sehen. Ich durfte nicht mit dir
reden. Nicht eine Sekunde lang. Ich war 17 Jahre alt und ich kam mir
vor wie eine Zweijährige, die das erste Mal ohne ihre Mama schlafen
geht. Es wäre so ein schöner Tag gewesen und das war schlimm!
Draußen haben die ganze Zeit die Vögel gequietscht und die Sonne
hat gebrannt und alle haben gelacht und gekreischt. Aber in mir drin
war es so dunkel. In Filmen regnet es immer, wenn es den
Protagonisten schlecht geht. Bei mir war das nicht so. Es war warm
und der Himmel blau, die Kinder glücklich, die Straßen voll. Nur in
mir drin war es kalt und leer und dunkel und einsam. Alle waren
zusammen, nur ich war alleine. Ohne dich. Das erste Mal.
Der
Tag war so lang wie keiner je zuvor. Am Abend warst du ins
Krankenhaus gekommen. Die Nacht war die kürzeste meines Lebens. Ich
wollte nur schlafen, konnte aber nicht. Sobald ich die Augen zu
machen wollte, waren da kleine grüne Monster, die mir sagten, ich
sei eine schlechte Freundin. Ich dachte du müsstest sterben. Ich
hatte Angst. Angst um dich und ein bisschen auch um mich. Ich wusste
es wird kein schöner Tag. Ich wusste aber nicht, dass es so schlimm
wird. Ich saß alleine in meinem Zimmer, wartete auf Hoffnung, lag
auf meinem Bett, wartete auf den Schlaf, hockte vorm Telefon, wartete
auf dich. Der ganze Tag war ein einziger Alptraum. Jede Sekunde
wartete ich auf den Moment in dem ich endlich aufwachte. Ich wachte
nicht auf. Es hat etwas gefehlt. Du hast gefehlt. Ich war nicht
vollständig. Mein Herz wollte auf meiner Brust raus springen. Ich
bin sicher. Ich hatte das Gefühl, meine Brust festhalten zu müssen,
ich habe die Beine angezogen und sie mit meinen Armen ganz fest
umschlungen. Ich hatte Angst, ich gehe kaputt. Ehrlich. Du warst
hingefallen. Die Leiter vom Dachboden runter. Aus versehen. Natürlich
aus versehen.
Du
hättest dein altes Tagebuch gesucht, sagte deine Mutter. Das
verstand ich. Das glaubte ich. Du sagtest die eine Sprosse sei kaputt
gewesen, deshalb bist du aus versehen runter gefallen, erklärte mir
deine Mama. Ich wollte dein altes Tagebuch suchen gehen, auf eurem
Dachboden. Es gab keine kaputte Sprosse. Es hatte nicht mal eine
einen Riss.
Ich
habe das Tagebuch nicht gefunden.
Ich
hoffte, wenn ich dein Tagebuch lesen könnte, ginge es mir besser,
weil ich dich dann zwar nicht sehen könnte, aber wenigstens deine
Worte lesen. Das wäre fast wie mit dir reden gewesen. Vielleicht
ginge alles schneller vorbei, dachte ich.
Irgendwann
warst du endlich wieder da und es wurde normaler. Am ersten Tag hatte
ich einen Alptraum aber am zweiten Tag durfte ich bei dir schlafen
und alles war wieder in Ordnung. Keine Alpträume mehr, keine Sorgen,
keine Angst, nur du. Ich habe gehofft, dir würde nie wieder etwas
passieren. Nie mehr.
Lange
Zeit war alles wie immer. Nur hin und wieder eine kleine Verletzung.
Wir verbrachten die Sommerferien zusammen, du lerntest deinen Freund
kennen, wir gingen wieder zur Schule, schrieben Klausuren, du
schliefst mit deinem Freund, das erste Mal, ich war das erste Mal
verliebt, du wurdest 18. An deinem Geburtstag musste ich auf dich
aufpassen, du warst so betrunken und hast viel wirres Zeug geredet.
Ich hab dich keine Sekunde aus den Augen gelassen.
Früher
mochtest du keine Geburtstage. An deinem Geburtstag hast du immer am
Ende geweint, weil dir alles zu viel wurde. Du bist dann immer
einfach verschwunden, meistens saßt du dann in meinem Zimmer hinter
meinem Bett und hast gemalt und gewartet bis alles vorbei war. Du
hast gerne gemalt. Obwohl wir älter sind, sitzt du dort immer noch,
wenn du deine Ruhe willst, nur malst du nicht mehr und weinst du
nicht mehr.
An
deinem Geburtstag hab ich dich irgendwann einfach zu mir nach Hause
geschleppt und dich dort hingesetzt. Du bist noch kurz ins Bad
gegangen, hast dich übergeben und hast dich dann direkt hinters Bett
gesetzt. Du hast dich hingesetzt und du bist einfach eingeschlafen.
Du hättest in meinem Bett schlafen können, aber du wolltest nicht.
Du wolltest auf deinem Platz bleiben. Du hast geredet während du
geschlafen hast, wie immer. Schlimme Sachen, aber ich habe das nicht
ernst genommen, ich wollte nicht. Früher musstest du auf mich
aufpassen, weil alles was wir angestellt haben, auf meinen Mist
gewachsen ist. Ich habe mich manchmal mit den Jungs aus der
Nachbarschaft geprügelt, aber du hast aufgepasst und mich
mitgenommen. Den Eltern hast du nie was gesagt. Wie ich jetzt nicht.
Nie. Heute passe ich auf dich auf, ich muss. Immer.
An
einem dienstag Abend war ich bei einer Freundin und kam nach Hause
und dann saßst du da hinter meinem Bett und hast geweint und hast
gemalt. Ich setzte mich zu dir und sagte kein Wort, ich habe einfach
gewartet bis du anfingst. Du hattest deinen Kopf auf meiner Schulter
gelegt und hielst meine Hand, sehr fest. Dein Freund hatte mit dir
Schluss gemacht, per SMS. In dieser Nacht hast du bei mir im Bett
geschlafen und mich keinen Moment losgelassen.
Dann
war er da, dieser Tag. Am Morgen wollte ich, dass du nicht in die
Schule gehst sondern dich ausruhst. Trotzdem fuhren wir zusammen. Den
ganzen Tag sah ich im Unterricht immer wieder zu dir um mich zu
versichern, dass alles in Ordnung war. In der Pause fingst du an zu
weinen, als wir auf dem Klo waren. Du kamst nicht aus der Kabine aber
ich konnte dich nebenan schluchzen hören. Du hattest den ganzen Tag
kein Wort gesagt, auch als wir auf dem Weg zum Unterricht waren,
nachdem du aus der Toilette kamst noch nicht. Wir hatten
Chemieunterricht und niemand fiel auf, dass es dir nicht gut ging. Du
mochtest Chemie eigentlich, ich nicht besonders. Wir machten
irgendeine Gruppenarbeit mit Experimenten und Säuren oder so, ich
erinnere mich kaum. Ich war nicht in deiner Gruppe, denn wir waren
nach Leistungen eingeteilt, trotzdem sah ich oft zu dir rüber. Du
sahst schlecht aus, aber wenn du mich angesehen hast, hast du
versucht zu lächeln. Es hat nicht geklappt.
Auf
einmal haben alle geschrien. Ich habe direkt gewusst, dass etwas mit
dir gewesen ist, sofort! Ich wollte nicht recht haben, einmal nicht.
Ich hab' mich umgedreht und dich gesucht. Ich konnte dich nicht
finden. Dass jemand den Krankenwagen rufen soll, schrie meine
Chemielehrein und dass jemand im Sekretäriat Hilfe holen solle. Ich
guckte immer noch nach dir und dann sah ich ein Mädchen auf dem
Boden sitzen, ich hörte sie nicht schreien, auch wenn sie es tat,
ich sah sie nur regungslos, die Arme vom Körper wegstreckend auf den
kalten Fliesen sitzen. Vielleicht warst du zur Toilette gegangen. Sie
hatte genau die gleiche Haarfarbe wie du, aber nicht die gleiche
zarte haut, um genau zu gar keine haut mehr, auch kein Oberteil. Nur
Blut und Verätzungen. Dein Gesicht blieb unter all dem bekannten
Schmerz das gleiche. Und ich weinte nicht. Und alle starrten dich an
und starrten mich an. Und ich weinte nicht. Wir wurden aus dem Raum
gescheucht. Ich wollte bei dir sein, ich wollte nicht gehen. Ich fiel
hin. Ich übergab mich. Viele Leute boten mir Wasser an, Essen. Sie
fragten mich, ob alles okay sei. Was dachten sie denn? Nichts war
okay. Sanitäter kamen und wollten mir helfen. Dir sollten Sie
helfen, mir doch nicht! Ich durfte mit dir fahren, ich musste sogar.
Und ich weinte nicht. Sie fragten nach der Nummer unserer Eltern und
aus versehen sagte ich die Nummer meiner Tante. Wir kamen im
Krankenhaus an und Leute kamen und wollten mir helfen. Dir sollten
Sie helfen, mir doch nicht! Du bliebst dort. Meine Mama nahm mich mit
nach Hause. Und ich weinte nicht. Ich schlief den ganzen Tag. Am
Donnerstag brachte mich mein Vater zu dir und ich verbrachte den
ganzen Tag bei dir im Krankenhaus. Wir redeten viel über deinen
Freund, zumindest über den Jungen, der es mal gewesen war, über
Schule und den Geburtstag einer Freundin, über alles, aber nicht
über das, was gestern passiert war. Ich traute mich nicht. Du
schliefst viel. Alle zwei Stunden kam ein Pfleger und wechselte deine
Verbände. Wenn du geschlafen hast, hat er dich nicht aufgeweckt. Er
war hübsch. Du lächeltest ihn an. Er lachte zurück. Und ich war
froh dich nach langer Zeit wieder lächeln zu sehen. Der Pfleger
zwinkerte dir zu. Mir auch, aber das verriet ich dir nicht.
Wir
hatten gegessen und lagen zusammen in deinem Bett. Ich nahm deine
Hand und traute mich. ¨Hast du das alles absichtlich gemacht,
Marlene?¨ Erst war alles ganz still. „Wieso solle jemand soetwas
mit Absicht tun,“ fragtest du bedacht ruhig. Ich hielt deinem Blick
stand, glaubte dir nicht. Das erste in Mal in unseren Leben. Du sahst
mir in die Augen und hast mich so angemeckert, was ich von dir denken
würde, ob ich dich überhaupt kennen würde. Ich kenne dich, besser
als dir lieb ist. Du wolltest nicht, aber ich nahm dich in den Arm.
Du liest es zu. Dann ist aus deinem Schreien ein Schluchzen geworden
und ich durfte wieder deine beste Freundin sein. Wie ich es bemerkt
habe und warum ausgerechnet dir soetwas passieren müsse, du soetwas
fühlen müssest, fragtest du mich an diesem einen donnerstag Abend
im Krankenhausbett. Ich wusste keine Antwort. Ich weiß noch immer
keine Antwort. Du erzähltest mir die Wahrheit über den
Sportunterricht, bei dem dir das erste mal etwas passiert ist. Du
warst damals unendlich traurig, weil niemand auf dich geachtet hat,
du nichts konntest und alle mich gelobt haben. Deshalb bist du in die
Umkleidekabine gelaufen, hast die Dusche angemacht, damit der Boden
nass wurde und bist hin und her gerannt, bis du ausgerutscht und
hingefallen bist. So richtig absichtlich gemacht hattest du es nicht,
sagtest du. Es hatte sich richtig angefühlt, so als würde es
helfen. Du warst so sauer auf dich, wusstest nicht wohin mit deiner
Wut, deinem Schmerz und du hofftest, dass damit wieder auf dich
geachtet wird. Als du am Abend im Krankenhaus lagst und alle bei dir
waren, kam dir alles so friedlich vor. Du warst nicht mehr traurig,
dein Herz tat dir nicht mehr weh. Obwohl es dir leid tat, dass wir
uns, vorallem ich mir, so viele Sorgen machten, tatest du dir immer
mehr weh. Du risst dir Haare aus, bisst dir in die Finger, schlugst
deinen Kopf gegen Tische, verbranntest dich, fielst hin, brachst dir
Finger und drücktest Zigaretten an dir aus oder kipptest eben Säure
über dich. Ritzen wäre nichts für dich, das täten nur Leute die
Aufmerksamkeit wollen, meintest du. Ich fing an zu weinen. Du auch.
Jedes mal, wenn du mich traurig gemacht hattest, wenn du ins
Krankenhaus kamst, wenn ich wegen dir nicht zur Schule ging, keine
andere Freunde traf oder weg ging, weil du dir weh getan hattest,
warst du so sauer auf dich, dass du dir noch mehr weh getan hast. Ich
wusste das alles nicht. Ich wusste nicht, warum ich es nicht wusste.
Ich wusste nicht, warum du mir nichts gesagt hattest Ich wusste
nicht, was ich sagen sollte. Ich wusste nicht was ich denken sollte.
Und ich wusste auch nicht, ob ich noch deine beste Freundin war.
Nicht, ob ich es nicht mehr sein wollte, sondern ob du das je
wolltest.
Wir
redeten viel. Vorallem über dich. Ich war erleichtert, denn wir
beschlossen, dass ich mit dir zu einer Psychologin gehen würde,
damit sie dir helfen könne und du glücklich würdest. Ich erzählte
dir von denen Tagen, die ich ohne dich war und wie grausam und
angsteinflößend sie waren und wir beschlossen, ich könnte ja auch
mal mit dieser Psychologin reden.
Du
musstest noch einige Tage im Krankenhaus bleiben. Ich durfte dich
nicht mehr besuchen, aber ich gab mir Mühe so zu tun als wären es
normale Tage, MIT dir. Es waren keine normalen Tage. Es war wie
immer, wenn du nicht da warst. Ich hatte Panik als ich deine Station
verließ, alles drehte sich und auf den Schildern tanzten die
Buchstaben, die Bilder an den Wänden spielten mir Streiche und
nichts sah mehr aus wie vorher. Alles hatte seine Farbe verloren. Ich
bekam kaum Luft.
Ich
verbrachte diese Woche zusammengekauert in meinem Zimmer. Ich dachte
an nichts, außer an dich. Mir schwirrten so viele Gedanken im Kopf
herum, deren Mittelpunkt nur du warst. Dass du das alles absichtlich
getan hast, hatte ich schon wieder verdrängt. Eine Sekunde hatte ich
überlegt, ob ich sauer sein sollte, weil du mir so viel Schmerz
angetan hast, aber ich konnte nicht. Du hast dir selbst viel mehr
Schmerz angetan.
Die
Panik ebbte nicht ab. Ebenso wenig wie der Schmerz. Alles um mich
herum wurde von Tag zu Tag dunkler.
Und
dann stand meine Mama in der Tür. Für mich wie ein Engel. Sie würde
nämlich sagen, dass ich zu dir dürfte, dachte ich. Tat sie nicht.
Sie
kam auf mich zu, aber irgendwie lächelte sie nicht. Das fiel mir
nicht auf, ich war glücklich. Sie setzte sich zu mir und erst dann
war ich verunsichert.
Dann
sagte sie etwas, was ich kaum verstand. Ich hörte die Worte, aber
ich hätte schwören können, sie waren gelogen. Als ich begriff,
dass es keine Lügen waren, die aus dem Mund meiner Mama kamen,
begann für mich ein neues Leben. Ein dunkles Leben. Ich wusste
nicht, wie ich dieses Leben angehen sollte. Ich wollte auch gar
nicht.
Ich
schüttelte den Kopf, aber meine Mama wiederholte nur. Ich hielt mir
die Ohren zu und summte. Ich wollte es nie wieder hören. Nie mehr.
Eigentlich war es sowieso eine Lüge. Ich fragte mich, wann ich
endlich wieder aufwachen würde. Ich würde dann rüber gehen, in
dein Zimmer, ich würde mich in dein Bett legen und es würde weniger
weh tun. Ich hätte keine Alpträume. Das Problem war nur, es war
kein Traum.
Meine
Welt brach zusammen. Mit einem lauten Knall. Eine Sekunde hatte es
gedauert mein Leben zu ruinieren. All die gelebten Jahre waren nun
nicht mehr von Bedeutung. Die kommenden Jahrzehnte wurden ruiniert
durch diese eine Sekunde, den einen Satz aus dem Mund meiner Mutter.
„Marlene
ist tot.“
Du
hast alles Glück dieser Welt mit dir genommen. Das Lachen, das
Reden, die Melodien, die Sonne, die Farben, das Licht, das Leben.
Jetzt ist alles nur noch schwarz- weiß.
Seit
dem habe ich aufgehört auf mich Acht zu geben. Wenn ich über eine
Straße gehe, gucke ich nicht mehr nach links und rechts, ich
schnalle mich nicht mehr an beim Autofahren, beim Motorradfahren
trage ich keinen Helm mehr, ich esse kaum noch, schließe die Augen
wenn ich durch die Straßen gehe, ich lehne mich zu weit aus dem
Fenster, gehe auf zu hohe Dächer, ich lasse Dinge runterfallen und
die Scherbern liegen, ich lasse mich von Bienen stechen, esse was ich
nicht vertrage und habe aufgehört zu schauen wie viele oder welche
Tabletten ich nehme.
Mit
dir ist mein Sinn gegangen.
Und
noch heute frage ich mich Morgen für Morgen:
„Wie
viele Jahre hat ein Tag ohne dich?“