Samstag, 28. Juli 2012

ich will dir etwas erzählen. Etwas von mir und meinem Leben.

Ich habs vor kurzer zeit geschrieben..


Das ist Sven. Er ist ein ganz wundervoller Mensch, aber Sven ist tot. Gestorben ist er vor sechs Jahren. Ganz unspektakulär, er wurde nicht umgebracht, es war kein Krebstod oder Selbstmord. Er ist einfach eingeschlafen, warum weiß keiner.

Er war verheiratet und hatte mir ihr, der Liebe seines Lebens, zwei Kinder. Maya war 9 als ihr Papa ging und Ben noch keinen Monat alt.
Das ist traurig. Für Marie, seine Frau, für Maya, weil sie ihren Papa lange nicht wieder sehen wird und für Ben , weil er Sven erst kennenlernen wird, wenn die Zeit seines Lebens zu ende ist.
Aber was hätte ich tun sollen? Ich hatte nicht die Entscheidungsmacht! Wirklich nicht.. Lange Zeit habe ich ihn beobachtet und auf ihn geachtet . Aber ich durfte nicht mehr die geplanten 36 Jahre warten.

Ich bin der Tod.

Das ist eine Geschichte, die erzählt wird aus meiner Perspektive, aus der Sicht des Todes.
Bitte erschrick nicht!
Ich muss zwar Menschen aus ihrem Leben reißen, ganz plötzlich, aber das ist nun mal mein Job. Und ich bin wirklich von Grund auf gut.
Vielleicht hast du keine Angst mehr sterben zu müssen, wenn du mich erst mal kennst.
Alle müssen sterben, der eine früher, der andere später. Aber das ist nicht das Ende. Bloß weil es unbekannt ist, habt ihr Angst. Aber jetzt wirst du mich kennenlernen und brauchst keine Angst mehr zu haben. Du wirst mich irgendwann treffen. Und du wirst mich mögen.

Sven ist mein Freund. Er hätte ein schönes Leben gehabt, auch weiter. Aber die Entscheidung lag wie gesagt nicht bei mir. Nie. Es passiert einfach.
Sven's Geschichte, ist die, die ich dir erzählen möchte. Sie bewegt mich.
Es war der 11. dieses Monats. Seine Tochter hatte ihm einen Brief geschrieben, den sie ihm an seinem Geburtstag auf's Grab legen wollte. Er hätte ihn nicht lesen können, wie auch? Er ist beim Tod, der Brief beim Leben. Das ist unmöglich. So gut wie unmöglich.
Doch ich handelte eine Art Vertrag mit meinem alten Freund Leben aus. Leben war schon immer gemein, er nutzt jede Gelegenheit andere kaputt zu machen und zu Boden zu werden.
Doch man muss ihm lassen, dass er einem immer wieder aufhilft und einem oft zum Lachen und Glücklichsein bringt.
Was in diesem Vertrag steht, das tut nichts zur Sache. Wichtig ist nur, dass er den Brief lesen darf.
So hält er den fünfseitigen Brief heute, zwei Tage später in seinen zitternden Händen. Sven sitzt am Tisch, nur noch die erste Seite des Briefs in der Hand. Seine Augen folgen den fein säuberlich geschriebenen Wörtern seiner 15 jährigen Tochter. Wort für Wort. Zeile für Zeile. Blatt für Blatt. Seine Gesichtszüge ändern sich. Er hatte sich gefreut den Brief lesen zu dürfen, doch er wusste noch nicht was drin steht.
Ich kenne Maya. Besser als mir lieb ist. Aber ich wusste nicht was sie wohl schreibt.
Ich unterbreche Sven nicht und lasse ihn in Ruhe. Ich werde dir nicht den ganzen Brief zu lesen geben, das wäre zu privat und vor allem zu lang. Ausschnitte preiszugeben jedoch, das kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren.

'Liebster Papi, ich liebe dich. Und ich will dir etwas erzählen. Etwas von mir und meinem Leben.' Das hatte Maya geschrieben.
Als er das liest, lächelt er noch. Er weiß ja noch nicht was im Leben von Maya alles schief gelaufen ist.
Ich auch nicht. Aber ich weiß, dass sie mich mag. Sehr mag.
Es gab eine Zeit in der wollte sie zu mir. Sie wollte mich kennenlernen, weil sie wusste, dass man vor mir keine Angst haben muss und, dass ich alles besser mache. Ich bin nämlich nicht so so ein Ekel wie das Leben. Ich bin nett und bei mir wird alles gut! Sie wollte vom Leben weg. Und zu mir und ihrem Papa. Klar, bei mir ist auch nicht alles perfekt. Man verliert seine Familie, seine Freunde für eine Zeit. Und beim Leben kann man viel Lachen und hat Spaß, man ist viel glücklich. Bei mir wird’s vielleicht irgendwann langweilig.. Sie wollte sich das Leben nehmen.
Das habe ich Sven nicht gesagt, er hätte es nicht verkraftet. Also habe ich geschwiegen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie einen Brief über ihr Leben an ihn schreibt.
Sven ist auf der letzten Seite des Briefs. Fast am Ende des Brief schrieb sie.'Papi, ich hoffe du verzeihst mir. Ich wollte nicht so ein furchtbares Mädchen sein. Ich wollte glücklich sein.' Fast weint Sven.
Als Sven das Leben verlassen hatte, war Maya ein ganz wundervolles Mädchen gewesen. Sie war offen und herzensgut. Jeder mochte sie und vor allem war sie fröhlich und glücklich. 'Was ist nur aus meiner Maya geworden?' das fragt sich Sven.
Ich will dir sagen, was sie noch geschrieben hat. 'Eigentlich bin ich kein Kind von Traurigkeit. Aber 'eigentlich' entnimmt jedem Satz die Wahrheit.' Als Sven diesen Satz eben gelesen hat, wusste er gar nicht was er sagen sollte.
Wäre Maya meine Tochter gewesen hätte ich mir vorwürfe gemacht. Sven hat sich auch Vorwürfe gemacht.
Ich will dir noch ein paar Sätze aus ihrem Brief zeigen.
'Irgendwann, kurz nach dem du weg warst, bin ich auch 'ne andere Schule gekommen. Da haben mich alle gemobbt. Sogar die Lehrer haben gesagt 'tja Maya, du bist eben nicht schlau genug für Mathe.' oder 'Du kannst einfach kein Französisch.' Als ich dann später die Schule gewechselt habe war ich die beste in Mathe, auf meiner ganzen Schule. Auch in Franz hatte ich 'ne 1.'
Weshalb kann man denn meine Tochter nicht mögen? Ich frage es mich. Und Sven fragt es sich.
Okay, weiter geht’s im Brief.
'Einmal habe ich einen Jungen kennengelernt, per Facebook, weißt du was das ist? Halt sowas wie SchülerVz nur in cool & für alle. Wir haben geschrieben, viel. & oft telephoniert. Er war der wichtigste Mensch in meinem Leben. Er hat mich immer zum lachen gebracht. Aber er hat gesagt, er müsse bald sterben. Aber er hat mich nur verarscht. Und ich habe ihn geliebt! Er hat mich kaputt gemacht. Ich dachte er müsse sterben & ich habe ständig geweint. Und er hat mich nur verarscht.'
Als er das eben gelesen hat, wusste Sven garnicht was er denken sollte. Es tat ihm so leid, dass er nicht da war.
Noch ein paar Zeilen von Maya:
'Mir geht’s schlecht, Papa. Eine zeit lang ging's mir so schlecht, dass ich mich ganz viel selbst verletzt habe. Zwei Jahre lang. Alles war offen. Meine Arme, meine Beine. Ich konnte nicht mehr.
Ich war bulimisch. Und habe viel gekotzt. Ich hatte ganz viel Angst. Fast unbegründete Angst vor so vielem.
Ich wollte mich umbringen. & zu dir.
Mama hat von all dem nichts mitbekommen. Ich habe immer gesagt 'Mama darf's nicht merken.' Es hat geklappt sie wusste nichts. Ich wollte nicht, dass sie traurig ist oder weint. Sie muss doch so viel packen. Mit Ben & der Arbeit. Da will ich ihr nicht auch noch mit meinem Arm oder so zur last fallen.
Ich wollte einfach weg von der Welt. '
'Sie wollte zu uns kommen', flüstert Sven als er das gelesen hat. 'Sie wollte sich umbringen.
Ja, das wusste ich und fast hätte ich mich ein bisschen gefreut. Dass sie zu ihrem Papa gekommen wäre. Dass Sven seine Tochter bei sich haben würde, nach sechs Jahren, durfte er endlich seine kleine Maya wieder in die Arme schließen. Das dachte ich. Aber ich hatte mir keine Gedanken darüber gemacht, dass sie freiwillig gegangen wäre, dass sie keine Angst hatte. Und es muss einem sehr schlecht gehen, um zu mir kommen zu wollen. Es ist aber eigentlich unfair, dass alle solche Angst vor mir haben.. Dabei bin ich viel netter als Leben. oo:

Sven ist am Boden!
Er macht sich solche Vorwürfe. Aber vorallem seiner Frau, weil sie nichts gemerkt hatte. Er ist sauer auf sich, weil er seine Tochter verlassen hat und sie vorher nicht glücklich gemacht hat. Wie falsch kann man seine Tochter so falsch erziehen, dass sie sich zu verletzen beginnt, zu kotzen beginnt und sich das Leben nehmen möchte..


'Sag mal.. Du musst das doch gewusst haben?!' wendet er sich an mich.
'Ich hab es gewusst Sven.. Aber fast jede 15-jährige denkt daran sich umzubringen

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